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Der „selbstständige“ Einzelhandel

Beschäftigte in Supermärkten leisten eine harte Arbeit. „Ist es da zu viel verlangt, dass die, die so hart ranklotzen, auch ordentlich bezahlt werden?“ fragt der Moderator von Report Mainz in einem aktuellen Bericht über Rewe und Edeka. Beide Konzerne präsentieren sich als die Experten im Lebensmitteleinzelhandel. In der Werbung werden zufriedene Kunden und strahlende Mitarbeiter gezeigt. Eine wunderbare heile Welt! Wie aber gehen die Konzerne mit ihren Beschäftigten um? Werden diese genauso geliebt wie die Produkte, die sie verkaufen?


Edeka ist nicht gleich Edeka ...
... und Rewe ist nicht gleich Rewe. In beiden Konzernen gibt es neben dem Regie-Einzelhandel den sogenannten selbstständigen Einzelhandel: Manche Filialen gehören dem Konzern selbst, hier gelten die Tarifverträge („Regie“) – andere gehören Selbstständigen, und die entscheiden selbst, ob sie nach Tarif zahlen („privat“).
  • „Die selbstständigen Kaufleute haben die Freiheit, sich individuell zu entfalten und ihre Angebote und Leistungen exakt auf die Erfordernisse des jeweiligen Standortes zuzuschneiden. Gleichzeitig profitiert jeder Einzelne von den Vorteilen, die ihm der genossenschaftliche Verbund bietet“ (Edeka-Geschäftsbericht).

Beide Konzerne fördern die Existenzgründung. Erklärtes Ziel ist es, vorhandene Standorte, die bislang in eigener Regie geführt werden, in die Hände von Unternehmern zu geben bzw. neue Standorte von selbstständigen Kaufleuten führen zu lassen. So sind bei Edeka heute bereits 80 Prozent aller Märkte in der Obhut von Selbstständigen, bei Rewe sind es rund 40 Prozent. Für die Kunden ist der Unterschied „Regie“ oder „privat“ kaum zu erkennen – für die Beschäftigten indes hat das erhebliche Konsequenzen. Fakt ist, dass bei Rewe nur in rund 60 Prozent der Märkte der Tariflohn garantiert ist, bei Edeka gerade einmal in jeder fünften Filiale!


Ausmaß
Bei Edeka hat sich der Umsatz der Selbstständigen innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt, von 13,6 Mrd. Euro im Jahr 2006 auf zuletzt über 25 Mrd. Euro. Gleichzeitig sank im gleichen Zeitraum der Umsatz der Regiebetriebe von 11 auf knapp 8 Mrd. Euro. Die Dominanz der Selbstständigen zeigt sich auch bei der Anzahl der Märkte: 2016 gab es noch 1.196 Regie-Märkte – gegenüber 5.858 Märkten von Selbstständigen. Bei Rewe befindet sich die Mehrzahl der 3.300 Märkte noch in der Regie des Konzerns, 40 Prozent werden privat geführt. Im letzten Geschäftsjahr konnten die Rewe-Selbstständigen ihren Umsatz auf 13 Mrd. Euro steigern.

Die Lebensmittelzeitung (Ausgabe vom 5.5.2017/LZ) hat dem Thema ein 16-seitiges Journal gewidmet. Einige Ergebnisse im Überblick:


Konzerne im Konzern
Es gibt seit geraumer Zeit innerhalb der Gruppe der Selbstständigen einen Trend zu immer mehr und immer größeren Mehrfilialunternehmen. Handelsexperten sprechen von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft bei den Selbstständigen. Diese Entwicklung führt zu gewissen Spannungen, denn große Mehrfilialbetriebe haben starken Einfluss auf die jeweilige Regionalzentrale. Gleichzeitig werden sie „etwa bei Konditionen und der Vergabe von Standorten bevorzugt“ (LZ). Auf der anderen Seite verschlechtert das die Situation kleinerer Selbstständiger – sie bekommen oft nur die ungünstigen Standorte.
  • „Große Händlerfamilien mit zahlreichen Filialen beherrschen die Aufsichtsräte und sichern sich die besten Standorte“ (LZ).


Die zehn größten Selbstständigen 2016
Umsatz in Mio. EuroAnzahl Märkte
Petz Rewe GmbH29032
Karl Preuß GmbH & Co.*20022
Hieber’s Frische Center KG*19312
Scheck-In Einkaufs Center GmbH*19013
Simmel AG*17020
Struve GmbH*14412
Wilhelm Cramer GmbH*1258
Frischemärkte Baur e.K.*12010
Wucherpfennig GmbH*1169
Rewe Richrath GmbH & Co. OHG10814
Quelle: LZ und eigene Recherche; * = Edeka.


Gründe für den Erfolg
Als Gründe für den Erfolg der Selbstständigen werden meist genannt: höheres persönliches Engagement, bessere Kundenbindung und besseres Kostenmanagement. Als Kernpunkt gilt die Tatsache, „dass der Kaufmann auf seiner Fläche mit eigenem Geld für sich selbst Gewinn erwirtschaftet“. Der Edeka-Nord-Chef Koch dazu im LZ-Interview: „Eigennutz und Begeisterung treiben sie an.“ Der eigene Profit ist also die Triebfeder der selbstständigen Kaufleute. Weiter im Text heißt es dazu: „Während der angestellte Marktleiter am Abend nach Hause geht, schafft der Selbstständige tüchtig weiter – bis an die Grenze zur Selbstausbeutung.“

Allerdings trifft das Bild des sich heldenhaft selbst ausbeutenden Marktleiters am ehesten auf die kleinen Selbstständigen mit schlechten Standortlagen zu. Ganz anders sieht es bei den Mehrfilialunternehmen aus: „Die großen mit mehreren Filialen freuen sich am Gewinn und Wachstum“ (LZ).


strong>Schöne neue Handelswelt?
In den über siebeneinhalbtausend privat geführten Filialen bei Edeka und Rewe gibt es aber nicht nur Marktleiter/-innen. Dort arbeiten nämlich vor allem die abhängig Beschäftigten, weit über 200.000 an der Zahl. Sie arbeiten zwar alle unter dem gemeinsamen Dach des jeweiligen Konzerns Edeka oder Rewe, sie arbeiten aber dort nicht zu den gleichen Konditionen wie ihre Kolleginnen und Kollegen in den Regiebetrieben! Fakt ist, dass die meisten Selbstständigen ihre „lieben Mitarbeiter“ zu Dumpinglöhnen ranklotzen lassen. Und das letztendlich mit dem Segen von ganz oben.

ver.di hat schon vor Jahren nachgewiesen und kritisiert, dass Edeka und Rewe die Privatisierung nutzen, um Tarifverträge zu unterlaufen, Löhne zu drücken und Arbeitnehmerrechte zu beschneiden. Wenn ein Markt aus dem Regie-Einzelhandel herausgelöst und dann privat geführt wird, handelt es sich formal um ein selbstständiges Unternehmen. Dieses gehört in der Regel keinem Arbeitgeberverband an, es gibt keine Tarifbindung und in den allermeisten Fällen auch keine Betriebsräte. Sehr viele Beschäftigte von Edeka und Rewe sind somit ohne tariflichen Schutz und ohne den Schutz von Betriebsräten direkt oder indirekt von Dumpinglöhnen betroffen. ver.di: „Nach unserer Erfahrung unterliegen mehr als 90 Prozent der Unternehmen nach dem Wechsel der Betriebsform nicht mehr der Tarifbindung“ (etailment.de vom 5.11.2012). Einige wenige Inhaber orientieren sich zwar an den Bedingungen der Regiebetriebe, doch in den meisten Fällen werden Löhne gezahlt, die bis zu 30 Prozent unter Tarif liegen.
  • „Mitarbeiter werfen Edeka Ausbeutung vor“ (spiegel.de vom 8.10.2014).

Die Selbstständigen weisen solche Vorwürfe weit von sich. „Viele räumen zwar ein, dass sie keinen Betriebsrat haben – aber nur, weil ihre Tür ohnehin allen offenstehe. Sie geben zu, dass sie unter Tarif zahlen – aber genauso so oft darüber, wenn die Leistung stimmt“ (LZ). Mit derart hanebüchenen Verlautbarungen soll die Kritik weggewischt werden. „Tür steht offen“ – also Betriebsrat überflüssig! Und ob angemessene Löhne gezahlt werden, wird jeweils von Fall zu Fall entschieden. Früher nannte man so etwas „Herr-im-Haus-Standpunkt“.Beide Konzernzentralen lassen die Kritik ebenfalls an sich abperlen. Man wäscht seine Hände in Unschuld und veröffentlicht windelweiche Stellungnahmen. Rewe verweist auf eine „freiwillige Selbstverpflichtung“ und spricht von „leistungsgerechten Löhnen“. Edeka erklärt, „viele“ Betriebe würden branchenüblich bezahlen.Faktisch stehlen sich beide Konzerne damit aus ihrer Personalverantwortung.Erneut schwere VorwürfeReport Mainz hat in einer Sendung vom 30.5.2017 („Lohndumping bei Rewe und Edeka“) Betroffene zu Wort kommen lassen. Die Liste der Vorwürfe ist lang: früher übliche Tarifstandards werden unterlaufen, viele Beschäftigte bekommen nur den Mindestlohn, Urlaubs- oder Weihnachtsgeld wird oft nur als freiwillige Leistung gewährt, Überstunden werden oft nicht bezahlt, der Urlaub wird gekürzt usw. Ein ver.di-Sekretär berichtet, dass bei privatisierten Märkten die Löhne um 20 bis 30 Prozent abgesenkt werden.
  • „Mindestlohn wird in vielen Supermärkten zum Standard“ (Report Mainz).

Edeka und Rewe ficht das nicht an. Vielmehr tut man alles, um den schönen Schein zu wahren. Mit aufwendigen Werbegags und -filmchen sowie wohlfeilen Texten auf der jeweiligen Homepage (Kostprobe: „Unser Herz gehört nicht nur den Lebensmitteln, sondern auch unseren Mitarbeiter/innen“) wird eine heile Welt vorgegaukelt.

Unternehmen haben auch eine soziale Verantwortung. Dieser werden Rewe und Edeka - zumindest für den privatisierten Bereich – nicht gerecht! Anstatt dafür zu sorgen, dass alle Beschäftigten unter dem Konzerndach tarifgerecht entlohnt werden, „überstellt“ man immer mehr Mitarbeiter in den selbstständigen Handel und lässt bewusst zu, dass die meisten von ihnen zu Dumpinglöhnen und ohne den Schutz von Betriebsräten arbeiten müssen.


Dr. Jürgen Glaubitz
Redaktioneller Stand: Juli 2017