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Die Zeitarbeitsbranche in Deutschland

Mitte 2016 gab es insgesamt 36,5 Millionen Beschäftigte in Deutschland, davon waren 1,01 Millionen Leiharbeitnehmer/-innen. Niemals zuvor waren hierzulande so viele Menschen in Zeitarbeit beschäftigt. Zum Vergleich: 2002 waren es gerade einmal 318.000. Mit der Agenda 2010, der damaligen rot-grünen Bundesregierung, wurde ab 2003 ein bis dahin nur wenig genutztes Arbeitsmarktinstrument massiv ausgeweitet, die sogenannte Arbeitnehmerüberlassung. Seitdem hat Leiharbeit Konjunktur.
  • „Eine Einbahnstraße in Richtung prekäre Beschäftigung“ (DGB).

Daten und Fakten
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat Anfang 2017 Daten und Fakten über die Branche veröffentlicht (BA, Aktuelle Entwicklungen der Zeitarbeit). Einige der wichtigsten Ergebnisse im Überblick:
  • Mitte 2016 war eine Million Leiharbeitnehmer/-innen in Deutschland sozialversicherungspflichtig oder ausschließlich geringfügig beschäftigt. Der Anteil der Leiharbeitnehmer/-innen an der Gesamtbeschäftigung liegt bei knapp drei Prozent.
  • Leiharbeitnehmer/-innen arbeiten häufiger in Tätigkeiten, die mit einem niedrigen Anforderungsniveau verbunden sind. Mehr als die Hälfte übten zuletzt eine Hilfstätigkeit aus.
  • Rund 70 Prozent aller Leiharbeitnehmer sind Männer.
  • Schwerpunkte bei den Tätigkeitsfeldern sind die Bereiche Verkehr, Logistik, Sicherheit und Reinigung (31 %) sowie Metall- und Elektro (28 %). Männer arbeiten zumeist im Bereich Metall- und Elektro (35 %).
  • 29 Prozent der Leiharbeitsverhältnisse endeten nach weniger als einem Monat, 19 Prozent wurden in einem Zeitraum von mindestens einem Monat bis unter drei Monaten beendet.
  • Die Nachhaltigkeit von Beschäftigungsaufnahmen in der Zeitarbeit ist niedriger als im Durchschnitt über alle Branchen.
  • Die Bruttoarbeitsentgelte in der Zeitarbeit liegen deutlich unter den im Durchschnitt über alle Branchen erzielten Entgelten. Der mittlere Verdienst der Leiharbeitnehmer/-innen liegt um 42 % unter dem Durchschnitt, bei Hilfstätigkeiten beträgt die Differenz durchschnittlich 28 %. Dementsprechend ist der Anteil der Beschäftigten, die ergänzende Leistungen der Grundsicherung für Arbeitssuchende beziehen, vergleichsweise hoch (BA).

Neue Gesetzeslage
2016 hat die Bundesregierung ein neues Gesetz verabschiedet, welches am 1.4.2017 in Kraft getreten ist; das „Gesetz zur Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes und anderer Gesetze“. Die zuständige Bundesministerin Andrea Nahles stellte dazu in einer Stellungnahme vom 1.6.2016 stolz fest: „Erstens sorgen wir dafür, dass gute Arbeit auch fair bezahlt wird. Zweitens schieben wir dem Missbrauch bei Leiharbeit und Werkverträgen einen Riegel vor. Und drittens erhalten Arbeitnehmer und Arbeitgeber die Möglichkeit, die Bedingungen für mehr Flexibilität und Sicherheit auszuhandeln“.

Es gibt sicherlich eine Reihe von positiven Ansätzen und Veränderungen, so u.a. das Verbot Leiharbeitnehmer/-innen als Streikbrecher einzusetzen. Gleichzeitig werden zahlreiche Regelungen aber sehr kritisch gesehen. Die Hans-Böckler-Stiftung moniert, es gäbe zwar einige „erfreuliche und notwendige Neuregelungen (...), insgesamt erreicht der Regierungsvorschlag das im Koalitionsvertrag vereinbarte Ziel jedoch nicht, Leiharbeit auf ihre Kernfunktion – die Bewältigung von Auftragsspitzen und vorübergehenden Personalschwankungen – zurückzuführen und rechtswidrige Vertragskonstruktionen bei Werkverträgen zu verhindern“ (Pressemitteilung vom 12.10.2016).
  • „Leiharbeit kann auch mit neuem Gesetz missbraucht werden“ (Süddeutsche Zeitung vom 21.10.2016)

Kritik kam auch von der Opposition im Bundestag. So sieht das neue Gesetz u.a. vor, dass Leiharbeiter/-innen nach spätestens neun Monaten den gleichen Lohn wie die Stammbeschäftigten erhalten sollen. Fakt ist aber, dass die Hälfte der Leiharbeitnehmer/-innen weniger als drei Monate in einem Unternehmen beschäftigt ist. „Ihnen helfe die gleiche Bezahlung wie die der Stammbelegschaft nach neun Monaten nicht“ so Linksfraktion und Grüne (FAZ vom 21.10.2016).
  • Was ist der Unterschied zwischen Leiharbeit und Zeitarbeit? „Es gibt keinen. Gemeint ist, dass ein Beschäftigter (Leiharbeitnehmer/in) die Arbeitsleistung nicht beim Arbeitgeber (Verleiher), sondern bei einem Dritten (Entleiher) erbringt. Der Arbeitnehmer wird überlassen. Deshalb heißt das einschlägige Gesetz auch Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG). Dieses Gesetz spricht von Leiharbeitnehmern nicht von Zeitarbeitnehmern. Die Verleihfirmen bevorzugen den Begriff Zeitarbeit; das soll seriöser klingen“ (ver.di).

Die größten Leiharbeitsfirmen

Nach Auskunft der Bundesagentur gab es zuletzt in Deutschland 52.200 Verleihbetriebe. Rund drei Viertel davon beschäftigen weniger als 10 Leiharbeiter/-innen, 5 Prozent der Betriebe hatten 100 und mehr Leiharbeiter/-innen unter Vertrag.

Der Umsatz der Unternehmen in der Arbeitnehmerüberlassung wuchs zwischen 2002 und 2015 von 6,6 auf 20,3 Mrd. Euro (statista).

Das Marktforschungsunternehmen Lünendonk hat eine Liste der 25 führenden Zeitarbeits- und Personaldienstleistungsfirmen in Deutschland veröffentlicht. An der Spitze (Top 10) sieht es folgendermaßen aus.

Die 10 größten Zeitarbeits- und Personaldienstleistungsfirmen in Deutschland
UnternehmenUmsatz in Mio. EuroInterne Mitarbeiter/-innen Zeitarbeitnehmer/-innen
Randstad Deutschland 1.9692.60054.400
Adecco Germany1.6492.20038.700
ManpowerGroup Germany7751.50324.210
Persona Service7581.85019.000
I.K. Hofmann56852116.600
Autovision Zeitarbeit56116510.300
Dekra Arbeit3334279.498
Orizon2654166.801
ZAG-Zeitarbeitsgesellschaft26568010.000
TimePartner Service2603727.300

Quelle: Lünendonk 2016 (Daten für 2015)


Dr. Jürgen Glaubitz
Redaktioneller Stand: April 2017