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Der Textileinzelhandel

Der deutsche Modehandel befindet sich in einer tiefen Strukturkrise – es gibt zu viel Fläche, zu viel Ware und eine sehr starke Online-Konkurrenz. Die Kunden werden zugeschüttet mit immer mehr Angeboten, immer mehr Kollektionen und immer mehr Marken. Da der Gesamtumsatz nicht wesentlich wächst, herrscht in der Branche ein brutaler Verdrängungswettbewerb. Große Teile des Modehandels stöhnen über Umsatzrückgänge – gleichzeitig expandieren Billiganbieter wie Primark, KiK & Co. mit immer mehr neuen Läden. Viele Händler stehen massiv unter Druck – und gewähren gleichzeitig Rabatte bis zu 50 Prozent. Zahlreiche Geschäfte hängen bereits am seidenen Faden – der Textileinzelhandel steckt in seiner größten Umbruchphase.

Fakten: Zuletzt wurden in Deutschland für Textilien und Bekleidung insgesamt etwas mehr als 62 Mrd. Euro umgesetzt. Über 40 Prozent davon werden im Nicht-Textilhandel (Warenhäuser, Möbel-, Sport-, Lebensmittelgeschäfte sowie Versand- und Markthandel) erzielt (handelsdaten.de, 2017). Mehr als elf Milliarden Euro sind 2016 online umgesetzt worden.

Die größten Textileinzelhändler: Während sich in den meisten Bereichen des deutschen Handels jeweils eine Handvoll Anbieter den Löwenanteil untereinander teilt, gibt es im Modehandel immer noch eine stattliche Anzahl großer Mitbewerber. Die Tabelle zeigt die 15 größten Modehändler hierzulande. An der Spitze stehen seit geraumer Zeit die Otto-Gruppe und H&M.

Die 15 größten Modehändler in Deutschland

Unternehmen

Umsatz 2016

Veränderung

Otto-Gruppe

4,31 Mrd. Euro

+/- 0

H&M

3,92 Mrd. Euro

- 0,9 %

C&A

2,62 Mrd. Euro

- 4,0 %

HBC (Kaufhof)

1,66 Mrd. Euro

- 3,5 %

Tengelmann 

1,45 Mrd. Euro

+ 4,9 %

Karstadt

1,36 Mrd. Euro

- 5,3 %

Peek & Cloppenburg

1,34 Mrd. Euro

-/+ 0

Lidl

1,15 Mrd. Euro

+ 4,5 %

Ernsting’s Family

1,12 Mrd. Euro

+ 3,7 %

Aldi-Gruppe

1,10 Mrd. Euro

+ 2,5 %

Tchibo

1,04 Mrd. Euro

+ 2,0 %

Takko

839 Mio. Euro

+ 2,9

Inditex (Zara)

833 Mio. Euro

+ 6,7 %

TJX Deutschland (TK Maxx)

815 Mio. Euro

+ 8,0 %

Primark

774 Mio. Euro

+ 1,0 %

 

Quelle: textilwirtschaft.de, 2017.

Wie die Aufstellung zeigt, haben zuletzt fast ausschließlich preisaggressive Anbieter und Discounter Zuwächse verbuchen können. Lidl, Aldi und Tchibo gelang es im letzten Jahr, stolze 3,3 Milliarden Euro Textilumsatz abzuschöpfen. Kräftige Einbußen gab es vor allem für die Warenhäuser und für C&A Brenninkmeyer.

Preisspirale: Der Erfolg der Billiganbieter zeigt, dass „Geiz ist geil“ keineswegs seinen Zauber verloren hat. Internationale Textildiscounter gewinnen an Bedeutung, aber auch heimische Anbieter wie KiK oder Ernsting’s können deutlich zulegen. Die irische Billigmodekette Primark hat mit ihrer „Wegwerfware für die Saison“ die Preisspirale im Modehandel noch weiter nach unten gedreht. T-Shirts kosten manchmal nur 99 Cent, Jeans gibt es mitunter schon für 8,50 Euro.

Rabattspirale: Die Kunden haben sich offensichtlich an ständige Sonderangebote gewöhnt und planen diese fest ein. Viele sind immer weniger bereit, den Normalpreis zu zahlen. „Rabatte sind im Modehandel nicht mehr die Ausnahme, sondern beinahe schon Normalzustand“ (Lebensmittelzeitung vom 9.6.2017). Nach dem Motto „Alles muss raus“ wird „Sale“ quasi zum Dauerzustand. Saisoneröffnungsrabatt, Mid-Season-Sale, Stammkundenbonus – ein wahres Rabattkarussell dreht sich hier. Der Handel startet eine Sale-Aktion nach der anderen. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass für mehr als ein Drittel aller Kunden Rabatte wichtiger sind als von vorneherein günstige Preise. Durch ihre Preispolitik haben sich die Unternehmen in eine Zwickmühle manövriert. Kaum einer kann sich diesem Sog entziehen.

Online-Boom: Bekleidung ist seit Jahren schon die mit Abstand wichtigste Warengruppe, die per Internet gekauft wird. 2015 waren es Artikel im Wert von 10,0 Mrd. Euro, im letzten Jahr bereits 11,2 Mrd. Euro. Profiteure des anhaltenden Online-Booms sind Onlinehändler wie Amazon oder Zalando, aber auch große Multichannel-Händler wie Otto, H&M und Zara. Im Ranking der größten Textilhändler rangiert Zalando 2016 bereits auf Platz 16, Amazon folgt auf Rang 24. 

Konzentrationsprozess: Online-Boom und der anhaltende Siegeszug der Billiganbieter und Modediscounter setzen vor allem den kleinen Anbietern, den Boutiquen und traditionellen Modehäusern zu. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der selbstständigen Textilhändler halbiert. Dieser Trend wird sich weiter verschärfen. Aber auch einige der „Großen“ geraten immer mehr in Bedrängnis. Handelsexperten sehen mittelfristig im Textilsegment eine ähnliche Entwicklung wie bei Lebensmitteln – wo eine Handvoll Konzerne den Markt beherrscht.

Verdrängungskampf auf dem Rücken der Beschäftigten: Der Wettbewerb im Modehandel läuft derzeit überwiegend über den Preis. Immer mehr Billig-Klamotten, aktuelle Mode zu Mini-Preisen, Rabattschlachten und Sale-Aktionen. Paradiesische Zustände für die Kunden. Aber die kleinen Preise haben eine bittere Kehrseite! Dieser Irrsinn funktioniert nur, weil sowohl in der Produktion dieser Artikel wie auch im Verkauf eine oftmals brutale Kostenorientierung herrscht.

Die Textilriesen können ihre Ware nur deshalb so günstig anbieten, weil sie diese extrem billig herstellen lassen. Kleidung wird überwiegend dort produziert, wo es billig bzw. am billigsten ist. Der Großteil der Ware kommt aus den Billiglohnländern Asiens, vor allem aus China, Bangladesch, Indien, Pakistan, Kambodscha, Sri Lanka usw. Über die oft skandalösen Arbeitsbedingungen und miserablen Löhne ist viel berichtet worden. Die Fakten sind allgemein bekannt (siehe im Einzelnen: saubere-kleidung.de). Die meisten großen Modehändler profitieren von diesen niedrigen Löhnen und den äußerst günstigen Einkaufspreisen.

Auch im Verkauf werden die Personalkosten massiv gedrückt. Einige Beispiele: RTL berichtete darüber, dass bei Zara in München Mütter aus dem Betrieb gedrängt werden, um sie durch billigere, ungelernte Arbeitskräfte zu ersetzen (rtlnext.rtl.de vom 13.6.2017). Mehrfach schon sorgte das Unternehmen für negative Schlagzeilen, weil es versucht, unbequeme Betriebsräte loszuwerden.

Bei Primark gab es schon vor Jahren deutliche Kritik an den Arbeitsbedingungen. Betriebsräte bemängeln „hohes Stresslevel durch die schiere Masse an Artikeln, die pro Tag durch die Läden geschleust werden muss“. Ein weiterer Kritikpunkt ist die enorm hohe Quote befristeter Arbeitsverträge (welt.de vom 28.1.2015).

Im Fokus steht – wieder einmal – H&M. Es gibt massiven Druck auf Betriebsräte und Mütter. Man versucht, „Mütter loszuwerden, weil sie weniger flexibel sind als studentische Aushilfen“ (zeit.online vom 31.10.2017). Betroffene berichten von inakzeptablen Arbeitsbedingungen. Im Mittelpunkte der Kritik stehen ultraflexible Arbeitsverträge („Stundenlöhner“). Praktisch handelt es sich dabei um Arbeit auf Abruf. Diese Flex-Verträge sehen z.B. 10, 15 oder 20 Mindeststunden vor, doch wann gearbeitet wird, hängt vom Bedarf der Filialleitung ab. Experten schätzen, dass durch solche extreme Flexibilisierung dem Arbeitgeber ein Personalkostenvorteil von zwanzig Prozent entsteht. Gleichzeitig versucht auch H&M, mehrere kritische Betriebsräte loszuwerden (ARD-Magazin Kontraste: „Wie H&M Mitarbeiter unter Druck setzt“, Sendung vom 9.11.2017).

Es regt sich Widerstand: Am Aktionstag „Schwarzer Freitag“ (13.10.2017) gab es in zahlreichen Städten Proteste gegen Betriebsratsbekämpfung und die sozialschädlichen Arbeitszeitmodelle.

So traumhaft, wie die aufwendige Werbung vorgibt, geht es in den Filialen der Modeketten also nicht zu. Hinter der fröhlich-bunten Modefassade herrscht meist ein sehr harter Arbeitsalltag. Doch für die Eigentümer lohnt sich die extreme Kostendrückerei ganz offensichtlich! Einige zählen zu den reichsten Menschen der Welt: Amancio Ortega (Zara) besitzt ein Vermögen von 84 Mrd. US-Dollar, Stefan Persson (H&M) 20 Mrd. US-Dollar, die Familie Michael Otto 13 Mrd. Euro und die Familie Brenninkmeyer 7,5 Mrd. Euro.

Kleidung als Wegwerfware: Viele Deutsche mögen offenbar günstige Mode – und scheren sich nicht um „Hintergründe“. Sie kaufen immer mehr Massenware und werfen sie weg wie Pappbecher. Greenpeace hat ermittelt, dass in deutschen Schränken 5,2 Milliarden Kleidungsstücke liegen. 40 Prozent davon werden selten oder nie getragen (greenpeace.de). Jede/-r Deutsche erwirbt im Durchschnitt zwischen 40 und 70 Kleidungsstücke pro Jahr. Das ist Weltspitze. Gleichzeitig werden hierzulande jährlich 700.000 Tonnen Textilien weggeschmissen (going-green.info).

Mitverantwortlich für eine solche Haltung ist sicherlich auch die Vertriebspolitik führender Textilkonzerne, die durch niedrige Preise und rasch wechselnde Kollektionen die Kunden zu einer solchen „Ex-und-Hopp-Mentalität“ erziehen.

Es gibt aber auch eine andere Seite: Ein Teil der Verbraucher ist kritischer geworden und setzt bewusst auf nachhaltigen Konsum. Besonders aktiv auf diesem Feld ist die Kampagne Saubere Kleidung. Zu deren 22 Trägerorganisationen zählen u.a. die IG Metall und ver.di. 


Kleines Who-is-who des Modehandels

Otto-Gruppe
: Der Handels- und Dienstleistungskonzern ist mit 123 Unternehmen in 30 Ländern präsent. Zu seiner Multichannel-Einzelhandelssparte zählen u.a. die Unternehmen Baur, Bonprix, Heine, Otto, Manufaktum, Schwab, Sport Scheck, Witt und Mytoys. Der Konzern befindet sich im Eigentum der Familie Otto.

H&M: Der schwedische Textilriese Hennes & Mauritz ist mit rund 4.500 Läden in 68 Ländern weltweit präsent. In Deutschland gibt es 459 Standorte. H&M befindet sich im Eigentum der Familie Persson.

Inditex: Weltweit größter Modehändler. Die Spanier sind mit 7.300 Standorten in 93 Ländern vertreten. In Deutschland firmiert das Unternehmen mit den Marken Zara, Zara Home, Pull&Bear, Massimo Dutti und Bershka. Eigentümer ist der Firmengründer Amancio Ortega.

Primark: Der irische Textilkonzern ist in 11 Ländern präsent und gilt eine der am stärksten expandierenden Modeketten. Ist in der Branche als „Preisbrecher“ gefürchtet. Primark ist eine Tochter des britischen Lebensmittelkonzerns ABF.

Ernsting’s Family: Ein deutsches Filialunternehmen aus Coesfeld mit 1.800 Märkten und 12.000 Beschäftigten; schaffte es 2015 erstmals, sich im Ranking vor Aldi zu platzieren. 

Tchibo: Die in Hamburg ansässige Tchibo GmbH ist ein Teilkonzern der Dachgesellschaft Maxingvest, zu der auch die Beiersdorf AG gehört. Maxingvest befindet sich im Eigentum der Familie Herz. 

TK Maxx: Ein auf reduzierte Ware spezialisierter Textilhändler; eröffnete 2007 hierzulande die erste Filiale, Ende 2016 waren es bereits 93 Standorte. Muttergesellschaft ist TJX Companies, Inc. USA – mit mehr als 3.600 Filialen in 8 Ländern.

Dr. Jürgen Glaubitz
Redaktioneller Stand: November 2017