Unwort des Jahres: "Betriebsratsverseucht"
„Betriebsratsverseucht“ ist das Unwort des Jahres 2009. Eine unabhängige Jury unter der Leitung des Sprachwissenschaftlers Horst Schlosser gab dies am 19. Januar 2010 bekannt.
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Das Unwort des Jahres wird seit 1994 von der Jury der „Sprachkritischen Aktion Unwort des Jahres“ an der Universität Frankfurt bestimmt. Hierzu kann jeder Vorschläge einreichen. 2008 hieß das Unwort des Jahres „notleidende Banken“. |
Die Jury entscheidet über das Unwort jeweils danach, ob ein besonders schiefes Verhältnis zu der bezeichneten Sache vorliegt und wählt Begriffe aus, die verschleiern, dramatisieren oder gar die Menschenwürde verletzen. Als Begründung für die diesjährige Wahl führt die Jury u.a. aus, dass „damit in völlig unangemessener Weise Arbeitnehmer-Interessen als Seuche dargestellt werden“.
Zum Hintergrund: Das Wort ist in einer Monitor-Sendung vom 14.5.2009 verwendet worden. Darin berichtete ein Beschäftigter der Handelsfirma Bauhaus, der Begriff werde von Abteilungsleitern benutzt, wenn Kollegen aus einer Filiale mit Betriebsrat in eine ohne Betriebsrat wechseln wollten. „Dort könnte ihm vorgehalten werden, dass sein bisheriges Vertrauen in eine Arbeitnehmervertretung die Einstellung gefährde,“ so die Erläuterung. Der Mitarbeiter habe seine Aussage eidesstattlich versichert.
Die Wahrnehmung von Arbeitnehmerinteressen als Seuche zu bezeichnen, sei ein sprachlicher Tiefpunkt im Umgang mit Lohnabhängigen, so der Sprecher der Jury. Gleichzeitig steht „betriebsratsverseucht“ aber auch für eine Haltung, die sich inzwischen leider verbreitet hat. Nach Ansicht des stellvertretenden Vorsitzenden der IG-Metall, Detlef Wetzel, spiegelt das „Unwort“ das Denken nicht weniger Arbeitgeber und Manager wider. Margret Mönig-Raane, die stellvertretende ver.di-Vorsitzende, sieht dies als Ausdruck einer menschenverachtenden Geisteshaltung, „die sich nicht nur verbal, sondern beispielsweise durch Lohndumping, Erpressung und Nötigung in bestimmten Teilen der Arbeitswelt zeigt.“
Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer hat die Entscheidung der Jury ausdrücklich begrüßt. „Dass dies in dem Jahr passiert, in dem Betriebsratswahlen stattfinden, finde ich persönlich besonders wichtig.“ Der DGB bezeichnet die Jury-Entscheidung als „Lob an alle Betriebsräte“ – gerade in Krisenzeiten würden die Vorteile der Mitbestimmung deutlich.
Mit der Wahl zum Unwort des Jahres wollte die Jury rechtzeitig „Stopp“ sagen und eine öffentliche Diskussion entfachen. Das „Unwort“ soll anregen, hinter die Kulissen zu schauen, zu erkennen, was in Betrieben ohne Betriebsrat los ist …
Ein Wort in eigener Sache: Zum Schutz und zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Beschäftigten braucht es selbstbewusste und durchsetzungsfähige Interessenvertretungen in den Betrieben und Verwaltungen. Grundlage einer erfolgreichen Betriebs-/Personalratsarbeit ist die Schulung und Qualifizierung. Dies gilt besonders auch in Anbetracht der Tatsache, dass zunehmend obskure Anbieter auf dem Markt sind, um Manager und Personalverantwortliche zu schulen, wie Interessenvertretungen gezielt geschwächt und möglichst ausgeschaltet werden können. Ein Beispiel: die Sozietät Schreiner + Partner mit Sitz in Attendorn. Diese wirbt ganz dreist und offensiv bei Führungskräften für ihre Praxis-Seminare mit dem Titel „So weisen Sie Ihren Betriebsrat in die Schranken“. In dem Veranstaltungsflyer werden dann die Schwerpunkte der einzelnen Tagesschulungen aufgelistet. Einige Beispiele:
- „Wege zur Vermeidung, Auflösung und Neuwahl des Betriebsrats“
- „Die Kündigung ‚störender’ Arbeitnehmer. So gestalten sie kreativ Kündigungsgründe“
- „So kündigen Sie die ‚Richtigen’ “
- „So reduzieren Sie effektiv die Betriebsratskosten“
- „Betriebsratswahlen 2010: Alles was Sie als Arbeitgeber missen müssen und legal beeinflussen können“
- „Die 30 besten Arbeitgebertricks im Arbeitsrecht – verblüffend – einfach – effektiv“
Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass Mitglieder betrieblicher Interessenvertretungen sich für ihre vielfältigen, wichtigen Aufgaben qualifizieren. Nutzen Sie das umfangreiche Schulungsangebot von ver.di Bildung + Beratung!
Dr. Jürgen
Glaubitz
(ehemals Abteilungsleiter Wirtschafts- und Strukturpolitik,
ver.di-Landesbezirk NRW)
Redaktioneller Stand: Januar 2010

