Spendable Millionäre
Die Reichen entdecken weltweit das Schenken. Aufsehen erregte im Juli 2007 der schottische (!) Finanzinvestor Tom Hunter, als der 47-jährige Chef und Gründer einer großen Private-Equity-Gesellschaft eine Mrd. Pfund für wohltätige Zwecke spendete. Dass Reiche spenden, ist insbesondere in den USA und in Asien verbreitet. Durchschnittlich spendet dort jeder siebte Millionär und jeder vierte Milliardär. Aber auch in Deutschland gibt es immer mehr reiche Spender und sogenannte Charity-Veranstaltungen. Gleichzeitig findet ein regelrechter Stiftungsboom statt.
Fakt ist, dass nie zuvor vermögende Privatpersonen derart hohe Summen gespendet haben - für Bereiche, die eigentlich Aufgabe des Staates sind! Dafür möchten die Spender auch entsprechend "genannt" und herausgestellt werden. Das Manager-Magazin veröffentlicht in einer Sonderausgabe eine Liste der spendabelsten Unternehmer. Sie wird angeführt von Klaus J. Jacobs, dem Erben und Ex-Chef der Jacobs-Kaffeerösterei. Ihm folgen die SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp und Hasso Plattner (Manager-Magazin, Die 300 reichsten Deutschen, S. 12 f.). Klaus Jacobs spendete 200 Millionen Euro an die Internationale Universität Bremen, die nun seinen Namen trägt.
Stiftungsboom
Derzeit gibt es in Deutschland fast 15.000 Stiftungen - und jährlich kommen rund 900 weitere hinzu. Bei den Stiftern handelt es sich oft um Superreiche mit einem Vermögen von über 300 Millionen Euro. Nachdem Bundestag und Bundesrat das "Gesetz zur weiteren Stärkung des bürgerschaftlichen Engagements" verabschiedet haben und damit die steuerlichen Rahmenbedingungen für Spender rückwirkend zum 1.1.2007 noch verbessert haben, wird die Zahl dieser Stiftungen weiter rapide wachsen. Aus welchem Grunde im Einzelnen "gestiftet" wird, muss allerdings kritisch hinterfragt werden. Kaum zu glauben, dass wir plötzlich von einem Heer reicher "Gutmenschen" umgeben sind. Selbst das Manager-Magazin kommt zu dem Schluss, dass die Stifter "oft eher steuerliche als philanthropische Motive" haben.
Unternehmen als Spender
Nicht nur reiche Privatpersonen tun sich öffentlich als spendabel hervor, auch Unternehmen versuchen, sich zunehmend im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit unter dem Thema "Verantwortung" (neudeutsch: Corporate Social Responsibility) als sozial engagiert und spendierfreudig zu präsentieren. Mag sein, dass der eine oder andere Top-Manager tief im Innern noch einen gewissen Druck nach gesellschaftlichen Verpflichtungen verspürt. Oft wird dann mit dem Geld der Firma "Gutes getan". Mit dem schönen Nebeneffekt, dass solche Ausgaben die Steuerlast der Unternehmen senken, also zum Teil von der Öffentlichkeit mitfinanziert werden. Dafür steht auf der anderen Seite ein werbewirksamer Imagegewinn.
Spenden als "Sozial-Rendite"?
Was die Motive der Spender anbelangt, sind also durchaus Zweifel angebracht. Bei vielen und vielem wird man den Eindruck nicht los, dass es vor allem darum geht, sich mit Spenden einen sozialen Anstrich zu geben. Einige Superreiche mischen eiskaltes Geschäft mit warmherziger Wohltätigkeit. Mittlerweile ist dieser "Markt" sogar schon Gegenstand wissenschaftlicher Forschungen. In einer Studie über die Wohltätigkeitsinvestitionen (!) wird festgestellt, dass die neuen "Wohltäter" mehr und mehr versuchen, "ihr eingesetztes Spenden-Kapital wie ein Investment zu managen, um eine maximale soziale Investmentrendite' zu erlangen" (Handelsblatt vom 28.06.2007). Soziales Engagement als knallhart kalkuliertes Investment? Kritische Stimmen behaupten, dass es den Spendern aus dem Kreis der aggressiven Finanzfonds vor allem darum geht, sich "mit ihren Spenden ein positives Image erkaufen zu wollen" (Handelsblatt vom 19.07.2007).
Standpunkt:
- Es wäre verkehrt, das "Spendenwesen" pauschal zu kritisieren. Viele Projekte sind sicherlich sinnvoll und auch gut gemeint. Bei den meisten steht aber hinter der Spende ein knallhartes Kalkül.
- Manch eine/-r mag einwenden, es sei doch völlig egal, aus welchem Motiv die Reichen spenden - Hauptsache, es kommen genügend Mittel zusammen, um die notwendigen Aufgaben zu finanzieren. Eine solche Betrachtung greift zu kurz. Tatsache ist, dass sich der Staat in den letzten Jahren arm gemacht hat, vor allem dadurch, dass er Unternehmen und Reiche steuerlich entlastet hat. Erst so konnte die paradoxe Situation entstehen, dass sich Firmen und reiche Privatpersonen als Wohltäter präsentieren können, indem sie etwa Universitäten, Schulen oder Museen finanzieren, die sich der "arme" Staat - angeblich - nicht mehr leisten kann.
- Besser und sozial gerechter wäre es, Unternehmen und Reiche stärker zu besteuern, damit der Staat genügend Geld für die elementaren gesellschaftlichen Aufgaben zur Verfügung hat!
Siehe dazu auch unsere Standpunkte:
Unser Buchtipp: J. Glaubitz: Profit statt Moral
Dr. Jürgen Glaubitz
(ehemals Abteilungsleiter Wirtschafts- und Strukturpolitik, ver.di-Landesbezirk NRW)
Redaktioneller Stand: Dezember 2007
