Mittelschicht: Bedrohlicher Schwund einer gesellschaftlichen Gruppe

Die wachsende Einkommenskluft ist nicht nur ein Problem, das sich an den Rändern der Gesellschaft abspielt, sondern hat mit voller Wucht die breite Masse erfasst. Trotz Aufschwung sind in den letzten Jahren fünf Millionen Menschen aus der sogenannten Mittelschicht gerutscht. Zu diesem alarmierenden Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung über die Entwicklung der Einkommensverteilung in Deutschland.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat die verfügbaren Jahreseinkommen der Personen in privaten Haushalten untersucht und dabei die Einkommensbezieher/-innen in drei große Gruppen eingeteilt:

  • Spitzenverdiener: über 150 Prozent eines Durchschnittsverdieners
  • Durchschnittsverdiener: zwischen 70 und 150 Prozent – „Mittelschicht“
  • Niedrigverdiener: weniger als 70 Prozent eines Durchschnittsverdieners.

Das Durchschnittseinkommen lag dabei im Jahr 2006 bei 16.200 Euro netto pro Jahr.

Einkommensschichtung in Deutschland 1986 bis 2006 (Angaben in Prozent)

Jahr    Spitzenverdiener    Mittelschicht    Niedrigverdiener
1986    16,5                      62,8                20,7
1996    18,0                      61,3                20,7
2006    20,3                      54,3                25,4

Quelle: DIW-Wochenbericht 10/2008 („Schrumpfende Mittelschicht“)  

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

Die Mitte verliert und die Extreme entfernen sich weiter voneinander. Der seit Jahren anhaltende Aufschwung hat keinen Umschwung gebracht, sondern die Einkommensspreizung sogar noch massiv verschärft. Fakt ist, dass der Aufschwung an vielen Deutschen vorbeigeht. Nach einer Untersuchung des gewerkschaftsnahen Instituts IMK sind die Realeinkommen der Arbeitnehmer und Rentner erstmals in der deutschen Nachkriegsgeschichte in einer Aufschwungphase gesunken.

Die Anzahl der Bezieher mittlerer Einkommen schrumpft überraschend schnell. Ihr Anteil betrug viele Jahre lang relativ stabil 62 Prozent. Nach 2000 sackte ihr Anteil rapide auf 54 Prozent ab. Das entspricht einem Rückgang von 49 auf 44 Millionen Menschen.

Parallel zum Abbau der Mittelschicht ist der Anteil der armutsgefährdeten Personen deutlich gewachsen. Das Risiko, von der Mittelschicht in die unteren Einkommensschichten abzurutschen, ist massiv gestiegen. Und wer dort einmal angekommen ist, hat es schwerer, wieder aufzusteigen.

Wesentliche Ursachen für das Schrumpfen der Mittelschicht sind Ausmaß und Dauer der Arbeitslosigkeit sowie die niedrigen Lohnersatzleistungen beim Bezug von Arbeitslosengeld II. Immer weniger Menschen finden heute eine Vollzeitbeschäftigung, immer mehr werden in Teilzeitarbeit oder geringfügige Beschäftigung abgedrängt. Damit steigt die Tendenz, dass die Mittelschicht noch weiter geschwächt wird.

„Die Sorge um die soziale Position ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen“ (DIW). Der Anteil der Menschen, der sich um seine wirtschaftliche Situation keine Sorgen macht, betrug in den 1990er Jahren noch 30 Prozent – heute sind es gerade noch 23 Prozent. Die Verunsicherung der Mittelschichten ist ein ernstzunehmendes Problem, welches auch die Politik nicht ignorieren kann. Wenn sich diese Mittelschicht abwendet, ist die Demokratie in ihrem Kern bedroht.

Kommentare

  • „Mit der sozialen Spaltung in Unter- und Oberschicht geht die Stabilität der Gesellschaft verloren.“ (Prof. Gustav Horn, IMK)
  • „Die Mittelschicht, jahrzehntelang stabiles Fundament dieser Gesellschaft, hat Risse bekommen und wird kleiner.“ „Zwischen Flensburg und Mittenwald grassiert die Angst vor sozialem Abstieg.“ (Kölner Stadtanzeiger vom 5. März 2008)
  • „Wenn die meisten Arbeitnehmer schon im Aufschwung zu den Verlierern zählen, wie soll das erst im Abschwung werden?“ (die tageszeitung vom 5. März 2008)

Literaturempfehlung: Glaubitz, Profit statt Moral

Dr. Jürgen Glaubitz
(ehemals Abteilungsleiter Wirtschafts- und Strukturpolitik, ver.di-Landesbezirk NRW)

Redaktioneller Stand: März 2008