Frauen bekommen weniger
Von dem Grundsatz „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ sind die Frauen hierzulande weiter entfernt als in den meisten anderen europäischen Ländern: Laut einer aktuellen EU-Statistik bekamen Männer in Deutschland zuletzt 23 Prozent höhere Stundenlöhne als ihre Kolleginnen. Noch schlechter sieht es lediglich in den Niederlanden, der Slowakei, Tschechien, Österreich und Estland aus. In 20 Ländern der EU ist das Lohngefälle zwischen den Geschlechtern deutlich geringer als bei uns. Im Durchschnitt der EU beträgt die Differenz 17,4 Prozent.
Damit hat sich der Trend des Vorjahres noch einmal verstärkt: 2007 verdienten Frauen bereits 22 Prozent weniger pro Stunde als Männer. Deutschlands Spitzenposition beim Lohngefälle ist ein gesellschaftlicher Skandal. Frauen in Deutschland bekommen deutlich weniger, als sie verdient hätten! Und das, obwohl sie besser ausgebildet sind und häufiger als Männer ein Hochschulstudium absolviert haben.
Am größten sind die Unterschiede bei unternehmensnahen Dienstleistungen, im Kredit- und Versicherungsgewerbe sowie im verarbeitenden Gewerbe. Die Lohnschere nimmt mit steigendem Alter zu: Während Frauen im Alter von 25–29 Jahren durchschnittlich acht Prozent weniger bekamen, waren es bei den 30–34-Jährigen bereits 14 Prozent. Frauen über 60 bekamen im Durchschnitt sogar 30 Prozent weniger Geld als ihre Kollegen (FR vom 24.02.2009).
Bereits 1957 war im Vertrag von Rom das Grundprinzip „gleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit“ festgeschrieben. Verbessert hat sich indes kaum etwas. Festzustellen ist, dass die Unterschiede im privaten Sektor stärker sind als im öffentlichen Bereich. Der zuständige EU-Sozialkommissar sieht als wesentliche Gründe für den Einkommensabstand der Frauen deren hohe Teilzeitquote und den hohen Beschäftigungsanteil im Niedriglohnsektor.
Frauenlohnspiegel
Zu ähnlichen Ergebnisse wie die EU-Kommission kommt die aktuelle Online-Umfrage des WSI (Frauenlohnspiegel.de), die auf den Angaben von 25.000 Arbeitnehmerinnen/Arbeitnehmern beruht und rund 250 Berufe umfasst.
Danach sind Frauen nicht nur bei Lohn und Gehalt benachteiligt:
- Auch bei den Sonderzahlungen haben Frauen das Nachsehen. Während 54 Prozent der Männer eine Sonderzahlung (Weihnachtsgeld) erhalten, sind es bei den Frauen nur 44 Prozent.
- Frauen arbeiten zu 46 Prozent in Betrieben mit Tarifbindung – Männer hingegen zu 54 Prozent.
- Bei der Vergütung von Überstunden spielt bei den Frauen der Freizeitausgleich eine wesentlich größere Rolle als bei den Männern.
- Nur 18 Prozent der Frauen gaben an, einmal befördert worden zu sein – bei Männern beträgt der Anteil immerhin 27 Prozent.
Als wichtigste Gründe für den Einkommensrückstand der Frauen nennt das WSI:
- Frauen arbeiten öfter in Branchen und Berufen mit niedrige(re)m Einkommensniveau.
- Frauen sind (immer noch!) in Leitungs- und Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert.
- Frauen haben Nachteile aufgrund von familienbedingter Berufsunterbrechung.
- Frauen arbeiten öfter in schlechter bezahlten Teilzeitarbeitsverhältnissen.
- Frauen sind Opfer mittelbarer Diskriminierung – z.B. durch nicht geschlechtsneutrale Tarifverträge oder durch falsche betriebliche Eingruppierung.
Das WSI kommt zu dem ernüchternden Schluss: „Zum Teil werden Frauen schlechter bezahlt, weil sie Frauen sind“ (Pressemitteilung vom 03.03.2009).
Das WSI-Tarifarchiv hat für verschiedene Berufe die entsprechenden Daten zusammengestellt. Wir dokumentieren im Folgenden einige ausgewählte Ergebnisse:
Frauenverdienste im Vergleich (einige Beispiele)
|
Beruf |
Bruttomonatseinkommen in Euro |
Höhe des Frauenlohnes im Vergleich zum Männerlohn |
|
|
Männer |
Frauen |
||
|
Großhandelskauffrau/-mann |
2.692 |
2.185 |
81 Prozent |
|
Informatiker/-in |
3.971 |
3.590 |
90 Prozent |
|
Bankkauffrau/-mann |
3.682 |
2.967 |
80 Prozent |
|
Maschinenbauingenieur/-in |
4.329 |
3.557 |
82 Prozent |
|
Chemielaborant/-in |
3.157 |
2.617 |
83 Prozent |
|
Köchin/Koch |
1.863 |
1.505 |
80 Prozent |
|
Bürokaufleute |
2.440 |
2.072 |
85 Prozent |
Quellen: Frauenlohnspiegel/RP vom 24.02.2009/eigene Berechnungen.
Dr. Jürgen Glaubitz
(ehemals Abteilungsleiter
Wirtschafts- und Strukturpolitik, ver.di-Landesbezirk NRW)
Redaktioneller Stand: März 2009
