Altersarmut

Die gute Nachricht vorweg: Im Jahr 2008 sollen die Renten nicht (wie nach der Rentenformel vorgesehen) um 0,46 Prozent steigen, sondern rund doppelt so stark, nämlich um 1,1 Prozent. Für einen sogenannten Eckrentner bedeutet dies ein monatliches Plus von 13 Euro. „Die Rentner müssen am Aufschwung teilhaben“, so die schlagzeilenträchtige Botschaft von Bundesarbeitsminister Scholz.

Mit der Realität hat dies allerdings recht wenig zu tun, denn wie die meisten Deutschen, so profitieren auch die Rentner nicht vom wirtschaftlichen Aufschwung – im Gegenteil, sie können sich sogar immer weniger leisten. Die rund 20 Millionen Rentner haben seit 2003 deutliche Kaufkraftverluste hinnehmen müssen. Grund dafür sind die drei Nullrunden in den Jahren 2004 bis 2006 und der starke Anstieg der Teuerungsrate. Nach Berechnungen des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) sind die Renten seit 2003 real um 7,5 Prozent gesunken.

Auch die für 2008 geplante Erhöhung von 1,1 Prozent ändert also nichts an dem massiven realen Verlust in diesem Jahr. Die Preissteigerungsrate lag im März 2008 bereits bei 3,1 Prozent. Zudem kommt Mitte des Jahres eine neue Zusatzbelastung durch die Erhöhung des Pflegebeitrags um 0,25 Prozent.

Rentenanpassungen seit 2004

Jahr    Rentenerhöhung
2004   
0 Prozent
2005   
0 Prozent
2006   
0 Prozent
2007   
0,54 Prozent
2008   
1,1 Prozent (geplant)

Eckrente

Wenn in Deutschland jemand 45 Jahre lang sozialversicherungspflichtig arbeitet und dabei immer genau im Durchschnitt aller Arbeitnehmer/-innen verdient hat, zählt er zu den sogenannten Eckrentnern oder „Normalrentnern“. Nach diesen 45 Jahren erzielt ein solcher Rentner derzeit in Westdeutschland eine Altersrente von 1.182 Euro. Diese Eckrente wird in den nächsten Jahren auf Grund der neuen Rentenformel sukzessive sinken:

Monatliche Eckrente in Westdeutschland

2008    1.182 Euro
2010    1.083 Euro
2020    1.069 Euro
2030    1.024 Eur

Quelle: Deutsche Rentenversicherung (Spiegel 7/2008)

Diese immer wieder in der Rentenpolitik zitierte Eckrente führt zu einer völlig verzerrten Wahrnehmung der tatsächlichen Rentenhöhen, denn für Millionen von Arbeitnehmerinnen/Arbeitnehmern ist diese Normalrente gar nicht erreichbar. Der von der Politik unterstellte Eckrentner ist wirklichkeitsfremd. Die geforderten 45 Versicherungsjahre erreichen die meisten abhängig Beschäftigten gar nicht. Rund die Hälfte der Männer und 95 Prozent der Frauen erhalten eine Rente von weniger als 1.000 Euro.

  • Bericht einer Verkäuferin aus dem Einzelhandel: „Von den 50 Kollegen in ihrem Supermarkt arbeiten nur noch 16 Vollzeit, eine einzige ist älter als 50 Jahre.“ (Der Spiegel Nr. 7/2008, S. 64)

Risiko Altersarmut

Noch ist Altersarmut unter den heutigen Rentnerinnen und Rentnern nicht sehr verbreitet. Dies wird sich aber in Zukunft gravierend verändern. In den letzten Jahren haben dramatische Umstrukturierungen in der Arbeitswelt stattgefunden. Fast 12 Millionen, jeder dritte Arbeitnehmer, sind heute teilzeitbeschäftigt. 75 Prozent von ihnen sind Frauen. 6,5 Millionen Menschen arbeiten im Niedriglohnsektor.

Als besondere Risikofaktoren für einen Anstieg der Altersarmut nennt der Sozialverband Deutschland u.a. die Absenkung des Rentenniveaus im Zuge der Rentenreform 2001, Niedriglöhne und Einkommensarmut, Arbeitslosigkeit, das massive Wachstum von sozialversicherungsfreien Beschäftigungsformen sowie Berufsunterbrechung durch Kindererziehung und Pflege.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat in einer Untersuchung festgestellt, dass vor allem Frauen in Westdeutschland von Altersarmut bedroht sind. Sie haben die mit Abstand kürzesten Beitragszeiten zur Rentenversicherung und auf Grund von Teilzeitarbeit und geringen Löhnen auch die geringsten Beiträge eingezahlt. Dramatisch stellt sich die Situation von Hartz-IV-Empfängerinnen dar. „Hilfeempfängerinnen in Westdeutschland haben mit Abstand die kürzesten Beitragszeiten. Da sie meist auch nur geringe Beiträge eingezahlt haben dürften, tragen sie ein besonders großes Risiko der Bedürftigkeit im Ruhestand - sofern sie nicht über ihren Partner ausreichend abgesichert sind“ (IAB, 14/2007).

Rente und Arbeitslosigkeit

Mit welchen Einbußen Arbeitnehmer zu rechnen haben, wenn sie über längere Zeit ohne Job sind, zeigt die folgende Übersicht: 

RV-BeitragRentenwert
Durchschnittsverdienst (2.507 Euro/Monat)  498,89 Euro26,27 Euro
Arbeitslosengeld I (bei Steuerklasse I oder IV: 926,40 Euro)399,11 Euro21,02 Euro
Arbeitslosengeld II 40,80 Euro2,19 Euro

Quelle: Rheinische Post vom 12.03.2008

Ein Durchschnittsverdiener bekommt derzeit für ein Beschäftigungsjahr ein Plus bei der späteren Monatsrente von 26,27 Euro. Wird dieser Arbeitnehmer ein Jahr lang arbeitslos, mindert sich seine spätere Rente um 5,25 Euro. Ein Jahr des Bezugs von Alg II ist für die spätere monatliche Rente ganze 2,19 Euro wert.

Angst vor Armut im Alter

Wer im Niedriglohnsektor arbeitet, wer nicht immer vollzeitbeschäftigt ist oder nicht genügend Beitragsjahre zusammenbekommt, kann von der Eckrente nur träumen und hat es im Alter sehr schwer. Kein Wunder, dass sich viele Deutsche vor Altersarmut fürchten. Nach einer aktuellen Umfrage des DGB in Nordrhein-Westfalen hat jeder zweite Arbeitnehmer Angst, dass er im Alter nicht von seiner Rente leben kann. Neben den 48 Prozent, die glauben, dass ihre Rente nicht ausreichen wird, meinen weitere 38 Prozent, sie würden im Alter „gerade über die Runden kommen“. Lediglich 13 Prozent der Beschäftigten gehen davon aus, dass ihre Einkünfte als Rentner vollkommen ausreichend sein werden.

Armutsgrenzen und Arbeitslosengeld II

Armutsgrenze (60 %)856 Euro
Armutsgrenze (50 %)714 Euro
Arbeitslosengeld II707 Euro

Erläuterung: Die Armutsgrenze wird unterschiedlich definiert: Entweder 50 oder 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens. Das Arbeitslosengeld II setzt sich zusammen aus dem Regelsatz von 347 Euro plus einer Bruttowarmmiete von 360 Euro (Durchschnittssatz für eine/-n Alleinstehende/-n).

Nach Ergebnissen des Sozialverbandes Deutschland (SoVD) muss ein Durchschnittsverdiener, der im Jahr 2030 in Rente geht, rund 37 Beitragsjahre aufweisen, um ein Ruhegeld zu erzielen, das knapp über dem heutigen Hartz-IV-Niveau liegt. Wer im Alter nicht am Existenzniveau leben will, muss also privat sparen. Die Krux dabei: Das kann nur, wer durch Erwerbstätigkeit genug verdient! Nur wer über ausreichend Einkommen verfügt, kann fürs Alter sparen und die von der Politik oft beschworene private Vorsorge betreiben.

Massenphänomen Altersarmut

Arm trotz Vollzeitarbeit ist für viele heute schon bittere Realität. Und danach folgt die Quittung im Alter. Millionen von Menschen wie z.B. Kellnerinnen/Kellnern, Köchinnen/Köchen, Friseurinnen/Friseuren und anderen Niedriglöhnern droht die Altersarmut. Dabei kommt dies alles nicht von ungefähr. Die Politik hat in den letzten Jahren kräftig mitgewirkt, um „flexible“ Beschäftigungsformen zu fördern. Die Niedriglohnstrategie der Bundesregierung hat eine Gruppe von „Working Poor“ geschaffen, die nur mit mehreren Jobs oder durch Aufstockung über die Runden kommt. Sehr zur Freude der Arbeitgeber.

  • „Wo das Normalarbeitsverhältnis zur Ausnahme wird, entwickelt sich Altersarmut zur Regel.“ (Der Spiegel Nr. 7/2008)
  • Eine Verkäuferin: „Viele meiner Kollegen haben zwei Jobs. Die leben wie auf der Flucht: rein ins Auto und von einem Geschäft ins andere.“ (Stern Nr. 29/2007)

Der Boom von Leiharbeit, geringfügiger Beschäftigung, Teilzeitarbeit, Dauerpraktikanten und Ein-Euro-Jobbern bildet die Basis für ein Millionenheer von armen Rentnern in der Zukunft. Die Quittung prekärer Beschäftigung am Ende des Arbeitslebens ist eine prekäre Lage im Alter.

Kampf gegen Altersarmut als Herausforderung

Armut im Alter war „früher“ eher ein randständiges Phänomen – in naher Zukunft wird es zunehmend zu einer alltäglichen Erscheinung. Der Kampf gegen die Altersarmut ist deshalb die wichtigste Herausforderung des demografischen Wandels. Der DGB hat die Bundesregierung zum Gegensteuern aufgefordert. „Die Politik muss dafür sorgen, dass die Bedürftigkeit im Alter möglichst ganz vermieden wird“. Wer sein Leben lang arbeitet, müsse sich darauf verlassen können, dass er/sie im Alter eine Rente hat, von der man auch leben kann. Dazu bedarf es aber einer grundlegenden Kurskorrektur in der Rentenpolitik. Der DGB und der Sozialverband Deutschland sehen dafür mehrere Stellschrauben. Die wichtigsten sind:

  • Das Rentenniveau muss dauerhaft und verlässlich sein. Deshalb darf es keine weiteren Verschlechterungen bei den Rentenleistungen geben. Um die Rentner vor dem inflationsbedingten Wertverlust zu schützen, sollten die Renten daher grundsätzlich wenigstens in Höhe der Inflationsrate steigen.
  • Die gesetzliche Rente muss zu einer Erwerbstätigenversicherung fortentwickelt werden.
  • Leistungen für Kindererziehung und Pflege sollen verbessert werden.
  • Zudem bedarf es einer Mindestsicherung für langjährig Versicherte. Hier geht es u.a. darum, durch eine Höherbewertung von Beitragszeiten sicherzustellen, dass auch die Renten von langjährig Versicherten mit unterdurchschnittlichem Verdienst oberhalb der Armutsgrenze liegen. Die Kosten sollten über Steuern finanziert werden.
  • Für Zeiten der Arbeitslosigkeit müssen sachgerechte Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung entrichtet werden, um so die Lücken in den Erwerbsbiografien der betroffenen Versicherten zu verringern. Die Kosten für eine solche Aufwertung von Zeiten der Arbeitslosigkeit sind über Steuern zu finanzieren.
  • Neben einer Aufwertung der Rentenansprüche für Arbeitslose und Geringverdiener ist die Stabilisierung des Arbeitsmarktes das A und O, insbesondere für Ältere.

Wenn nichts Wirksames geschieht, wird Altersarmut zu einem Massenphänomen, welches das Gesicht des Landes grundlegend verändert. Noch ist es Zeit für eine grundlegende Kurskorrektur. Armut im Alter ist nicht nur ein individuelles Problem der Betroffenen, es stellt eine der größten gesellschaftspolitischen Herausforderungen dar. Um eine künftige Altersarmut für eine wachsende Zahl von Versicherten zu verhindern, bedarf es gezielter Maßnahmen. An qualifizierten Vorschlägen ist kein Mangel. Jetzt ist die Politik gefordert.

Dr. Jürgen Glaubitz

(ehemals Abteilungsleiter Wirtschafts- und Strukturpolitik, ver.di-Landesbezirk NRW)

Redaktioneller Stand: April 2008