"Erdöl ist ein Rohstoff, der das Denken vergiftet, den Blick trübt, die Seele verdirbt." Das hat einmal der polnische Autor Ryszard Kapuscinsky geschrieben. Der amerikanische Journalist Peter Maass macht sich auf die Spur dieses gefährlichen Rohstoffs. Seine Reise führt ihn um die Welt, von Saudi-Arabien bis nach Venezuela. Sie führt ihn in die Geschichte, vom Sturz des iranischen Präsidenten Mossadegh, der in den fünfziger Jahren Ölkonzerne verstaatlichen wollte, bis zu Venezuelas Präsident Hugo Chavez, der mit dem Öl seine Sozialprogramme finanziert. Sie führt zu den verheerenden Umweltbilanzen, die am Öl hängen, von der Verseuchung des Regenwalds im Osten Ecuadors bis zum unaufhörlich sprudelnden Leck im Golf von Mexiko.
Dieses neueste Öl-Desaster konnte Maass natürlich in sein Buch nicht aufnehmen. Aber etwas Geschichte von British Petroleum steckt schon darin. Mitte der neunziger Jahre wollte der britische Konzern sein Image ändern, präsentierte sich mit dem Sonnenlogo als glücklicher Freund der Erde, sprach sich für das Kyoto-Protokoll aus und buchstabierte BP als "Beyond Petrole" - "mehr als nur Öl". Die Realität war anders. 2005 explodierte in Texas eine BP-Raffinerie. Eine unabhängige Untersuchungskommission befand: "Wir haben noch nie eine Anlage gesehen, in der die Vorstellung "Ich könnte jeden Augenblick umkommen" so real war." Ein Jahr später strömten aus einer BP-Pipeline in Alaska 800.000 Liter Öl aus und verseuchten die Küste. Untersuchungen zeigten, dass der Multi Wartung und Erneuerung der Anlagen aus Kostengründen unterlassen hatte.
Geschichten wie diese machen das Buch von Peter Maass höchst aktuell. Er schreibt Reportagen, geht vor Ort, spricht mit den Akteuren. Er widmet sich vor allem dem Zusammenhang von Öl und Politik, in der Sowjetunion ebenso wie im Irak. Er geht dem Phänomen nach, dass die meisten Länder mit reichen Ölvorkommen arm sind und ihnen der Ölreichtum mehr Probleme als Gewinn beschert. Genauer: in der Regel einer kleinen Oberschicht Reichtum beschert, dem Rest der Gesellschaft Armut. Volkswirtschaftler sprechen vom "Ressourcenfluch".
Exemplarisch behandelt Maass dazu die Region Oriente in Ecuador, wo Anfang der 1960er Jahre Texaco mit der Ölförderung begann und dabei völlig freie Hand bekam: "Falls ein neugieriger Mensch wissen möchte, was ein Ölmulti ohne jegliche Beaufsichtigung in einem Entwicklungsland zu tun imstande ist, so findet er in Oriente die Antwort."
Maass Texte sind journalistisch, gut zu lesen, voller spannender Geschichten und Episoden und dabei in einer Weise pointiert, dass es einem beim Lesen manchmal die Sprache verschlägt. "Die Frage ist nicht", schreibt er einmal, "ob sich ein Krieg um Öl dreht, sondern wie er mit dem Öl in Zusammenhang steht." Für den Irakkrieg zum Beispiel konstatiert er in der amerikanischen Politik eine heillose Verwirrung von Ölinteressen und der Angstpropaganda vor Massenvernichtungswaffen - ganz im Sinne des Diktums, dass Öl das Denken vergiftet. Und auch die Richtung einer möglichen Lösung formuliert Maas in einem treffsicheren und eingängigen Satz: "Die oberste Priorität darf nicht mehr lauten, an Öl ranzukommen, sondern muss lauten, vom Öl wegzukommen." Ein spannendes und im Wortsinn aufregendes Buch.
Fritz Wolf, Journalist, Düsseldorf
Juli 2010