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Die Verteilungskluft wächst

Es klingt wie eine Nachricht aus längst vergangenen Zeiten: Die globale Wirtschaft wächst dynamisch, doch der Wohlstand auf der Welt kommt bei vielen nicht an. Die Armen fallen zurück – die Reichen werden noch reicher. Der gesellschaftliche Reichtum erreicht neue Rekorde, gleichzeitig steigt auch die Ungleichheit auf Rekordwerte. Die Verteilungsfrage zählt zu den wichtigen ökonomischen und gesellschaftspolitischen Themen und Herausforderungen. Es geht um die Verteilung von Einkommen und Vermögen. Die Verteilung hat gleichzeitig Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der Menschen, auf ihr soziales Verhalten, auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung und auch auf die politische Stabilität eines Landes. Lange Zeit spielte das Thema in der öffentlichen Debatte nur eine untergeordnete Rolle. In den letzten Jahren haben renommierte internationale Ökonomen wie Tony Atkinson, Thomas Piketty und Joseph Stiglitz mit diversen Beiträgen gezielt auf das Problem der wachsenden Ungleichverteilung aufmerksam gemacht.
  • „Einkommen und Vermögen verteilen Freiheiten, Status und Teilhabebedingungen“ (verteilungsfrage.org).

Wachsende Ungleichheit weltweit
Die Entwicklungsorganisation Oxfam hat errechnet, wie extrem sich die Vermögensverteilung in den letzten Jahren weltweit auseinanderentwickelt hat. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung verfügt heute über mehr als 50 Prozent des gesamten Vermögens. Oder anders ausgedrückt: Ein Prozent der Weltbevölkerung verfügt über genauso viel Vermögen wie der gesamte Rest der Welt zusammen. Oxfam hat auch ermittelt, dass die 80 reichsten Menschen genauso viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Dabei hat sich das Vermögen dieser 80 Hyper-Reichen zwischen 2009 und 2014, also in einem Zeitraum von gerade einmal fünf Jahren, verdoppelt. Die andere Seite: Über eine Milliarde Menschen müssen derzeit mit weniger als 1,25 US Dollar täglich zurechtkommen (Oxfam, 2015).
  • „Das Ausmaß der globalen Ungleichheit ist erschütternd“ (Oxfam).

Der britische Ökonom Angus Deaton, Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2015, sieht als eine wesentliche Ursache von Flüchtlingskrise und Massenflucht „hunderte von Jahren der ungleichen Entwicklung in der reichen Welt, die einen Großteil der restlichen Welt hinter sich gelassen hat“ (FR vom 13.10.2015).

Deutschland ist Spitzenreiter
Bei der Vermögensungleichheit belegt Deutschland seit Jahren einen Spitzenplatz. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat unlängst ermittelt, dass in keinem anderen europäischen Land die Vermögen so ungleich verteilt sind wie hierzulande. Zehn Prozent der Deutschen besitzen 60 Prozent des gesamten Nettohaushaltsvermögens. Die ärmsten 60 Prozent kommen hingegen auf ganze 6 Prozent. Zudem ist die Zahl der verschuldeten Haushalte sehr groß. Die wachsende Ungleichverteilung hat lt. OECD negative Auswirkungen auf die Gesellschaft und beeinträchtigt die wirtschaftliche Entwicklung.
  • „Noch nie in der Geschichte der OECD war die Ungleichheit in unseren Ländern so hoch wie heute“ (OECD, PM vom 21.5.2015).

„Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“
Dass die Reichen immer reicher werden, hängt u.a. damit zusammen, dass Vermögen vererbt wird. Nach einer aktuellen Studie des Forschungsinstituts Empirica werden in den nächsten acht Jahren in Deutschland rund 3,1 Billionen Euro vererbt. So viel wie nie zuvor. Das Gesamtvermögen aller privaten Haushalte beträgt rund elf Billionen Euro – demnach wechselt in den nächsten Jahren jeder dritte Euro den Besitzer. Zwei Drittel davon gehen an die nächste Generation. Der wesentliche Teil dieses gigantischen Vermögens fließt einem kleinen Kreis von Erbberechtigten zu. Diese Erbschaftswelle hat eine erhebliche gesellschaftliche Dimension. Das Institut stellt in diesem Zusammenhang fest: „Wie die großen Vermögen konzentrieren sich auch die großen Erbschaften auf einige wenige Fälle. Die oberen zwei Prozent aller Hinterlassenschaften vereinen etwa ein Drittel des gesamten Erbschaftsvolumens auf sich“ (Empirica; Erben in Deutschland 2015-2014, S. 5).

„Ein großer Teil der Häuser, Aktien und Geldvermögen bleibt bei denen, die ohnehin schon vermögend sind. Das zementiert Ungleichheit“ (FR vom 10.9.2015). Also gemäß dem sogenannten Matthäus-Effekt: „Denn wer da hat, dem wird gegeben...“
  • „Wenige haben viel, Viele haben wenig“ (DGB).

Auch beim Einkommen wächst die Kluft (wieder)
Bei der Einkommensverteilung befindet sich Deutschland lt. OECD im Mittelfeld. Anfang der 2000er Jahre hat hier ein erheblicher Anstieg der Ungleichheit stattgefunden, die Lohnquote sank in den Jahren 2000 bis 2007 von 72,5 auf 65,1 Prozent. In den Folgejahren hatte sie sich sukzessive erholt. Zuletzt ist die Lohnquote wieder leicht abgesackt, auf 69,1 Prozent. Der deutliche Rückgang in den 2000er Jahren konnte also bislang nicht ausgeglichen werden (WSI-Verteilungsbericht 2015).

Die WSI-Forscher haben ermittelt, dass die Spreizung bei den Einkommen wieder zugenommen hat. Die Aufstiegschancen ärmerer Haushalte sind in den letzten drei Jahrzehnten gesunken. Für die Mittelschicht ist das Risiko gewachsen finanziell abzusteigen. Besonders problematisch ist die gewachsene Ungleichheit der Einkommen bei gleichzeitig sinkender sozialer Mobilität. So seien besonders für Arme die Chancen auf einen Aufstieg merklich gesunken (WSI, PM vom 26.11.2015).

Ursachen der sozialen Kluft
Bei der Debatte um die wachsende Verteilungskluft geht es im Wesentlichen um den Grad der Verteilungsschieflage: „Ungleichheit ist nicht per se negativ, es kommt immer auf das Ausmaß an. Bis zu einem gewissen Grad ist sie sogar von Vorteil – für Wachstum und Innovationen beispielsweise. Aber wenn sich die Schere zu weit öffnet, dann schadet das einer Gesellschaft“ (Thomas Piketty, in: Die Zeit vom 25.6.2014).

Es geht nicht nur um Vermögen und Einkommen, es geht auch um den Einfluss, den die Eigentümer des großen Geldes ausüben: „Sie kaufen mit ihrem Geld Unternehmen, gründen Stiftungen, unterstützen Parteien. So beeinflussen sie die Zukunft von Menschen, Unternehmen und ganzen Regionen“ (FR vom 14.10.2015).
  • „...und wer reich ist, ist ein König“.

Soziale Ungleichheit ist nicht naturgegeben, sondern eine gesellschaftlich erzeugte Tatsache. Zu den wesentlichen Ursachen zählen u.a. die ungleichen Ausgangsbedingungen, eine entsprechende Ideologie, strukturelle Entwicklungen am Arbeitsmarkt und die vorherrschende (Steuer-)Politik.

In einem Interview mit dem britischen Ökonomieprofessor Tony Atkinson ging es u.a. um das Thema, warum in Deutschland die Armut gewachsen ist. Frage: „Hat das die Regierung unter Gerhard Schröder ausgelöst?“ Antwort: „Ich denke, ja. Der Arbeitsmarkt wurde verändert mit dem Angebot von Billiglöhnen. Das war ein Weg, der zu mehr Armut geführt hat“ (FR vom 21.11.2015).
  • „Der heutige Arbeitsmarkt hat Strukturen, die mit denen im 19. Jahrhundert vergleichbar sind“ (Atkinson).

Vermögende wurden in den letzten Jahrzehnten durch Steuergeschenke privilegiert. Atkinson erinnert daran, dass nach dem 2. Weltkrieg in vielen Ländern Maßnahmen ergriffen wurden, um die Ungleichheit abzumildern. „Die Staaten setzten auf eine progressive Besteuerung von Einkommen und auf Erbschaftssteuern.“ In den letzten drei Jahrzehnten wurde vieles zurückgedreht. Sozialleistungen wurden gekürzt, die Spitzensteuersätze drastisch reduziert. „Der Durchschnittsmensch hat heute wesentlich weniger Vermögen im Vergleich zu früher“ (FR vom 21.11.2015).

Reichtum stärker besteuern!
Die Steuerprivilegien für Vermögende müssen abgeschafft werden, andernfalls wird sich die Ungleichheit noch weiter verstärken. Viele Ökonomen plädieren deshalb heute dafür, große Vermögen stärker zu besteuern. Das Steuersystem muss gerechter werden. „Reiche und Vermögende müssen sich stärker an der Finanzierung des Gemeinwohls beteiligen“ (DGB). Auch die Verteilungsforscher des WSI plädieren für eine höhere Besteuerung, insbesondere „superreicher“ Haushalte (u.a. Abschaffung der Abgeltungssteuer, Reformen der Erbschaftssteuer). Der OECD sieht ebenfalls eine Umverteilung über Steuern und Sozialsysteme als wesentliche politische Aufgabe der nächsten Jahre. Darüber hinaus gelte es, die Berufschancen von Frauen zu verbessern und mehr für Bildung und qualitativ hochwertige Jobs zu tun.
  • „Die Verteilungsfrage ist keine Frage des Sozialneides, sondern der Vernunft“ (DGB).


Dr. Jürgen Glaubitz
Redaktioneller Stand: Januar 2016