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Afghanistan Code

Eine Reportage über Krieg, Fundamentalismus und Demokratie
Autor: Thörner / Verlag: Edition Nautilus

Angeblich Taliban - Marc Thörners Reportagen aus Afghanistan

Fünf Tote in der Kleinstadt Imam Sahib, wenige Kilometer von Kundus entfernt. Die US-Spezialeinheit kam per Hubschrauber, stürmte das Haus des Ortsvorstehers und tötete fünf Taliban. Angeblich. Es waren aber fünf Hausangestellte. Die Gegend liegt im Aktionsbereich der Bundeswehr, amerikanische Einheiten hätten dort nicht operieren dürfen. Was geschah in Imam Sahib

Der Reporter Marc Thörner, 2009 mit dem Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus ausgezeichnet, geht in seinem neuen Buch "Afghanistan Code" dem Tod der fünf Hausangestellten nach. Seine Reportagen heißen im Untertitel "über Krieg, Fundamentalismus und Demokratie" und versuchen, die afghanischen Verhältnisse zu entschlüsseln. Hier die Taliban, dort die Demokraten - diese simplen Gegensätze stimmen ebenso wenig wie die Behauptung, es gehe um den Aufbau Afghanistans. Das konnte man sich schon vorher denken. Thörner liefert dazu ein interessantes und differenziertes Bild der verwirrenden Gemengelage zwischen Fundamentalismus, regionalen Warlords, ethnischen Konflikten und ökonomischen Fragen.

Thörners These lautet: In Afghanistan handele es sich nicht um Aufbau und "nation building", sondern um Aufstandsbekämpfung. Und die verlaufe nach bekannten Mustern, nach Methoden nämlich, wie sie französische Militärs in ihren Kolonialkriegen entwickelt haben. Dazu gehört vor allem die forcierte Zusammenarbeit mit regionalen Autoritäten, um eine rebellische Region unter Kontrolle zu halten.

So funktioniert es auch in Afghanistan. Thörner folgt den Spuren dieser Politik, er spricht mit Bauern, mit Angehörigen der verschiedenen Ethnien, interviewt Warlords und Regionalgouverneure. Es entsteht das Bild eines vielschichtigen politischen Prozesses mit düsterer Perspektive: Eine demokratische oder zumindest halbwegs liberale Entwicklung des Landes scheint fast unmöglich. Die ausländischen Truppen kooperieren mit korrupten Provinzgouverneuren. Deren Machtzonen haben sich im Krieg gegen die sowjetischen Truppen herausgebildet. Kriegsherren wie Dostum oder Hekmatyar kontrollieren heute mit ihren Milizen Drogenhandel und Waffenschmuggel und behindern die Demokratisierung.

So ist der internationale Konflikt überlagert und durchsetzt von inneren Machtkämpfen. Auch der tödliche Luftangriff bei Kundus, vermutet Thörner, hat einen solchen Hintergrund. Getötet wurden paschtunische Zivilisten. Dass es sich um Talibankämpfer handeln soll, sei wahrscheinlich als Falschinformation von tadschikischer Seite lanciert worden.

So steht im Hintergrund des Angriffs von Imam Sahib auch ein Politikum: Die internationale Schutztruppe ISAF und die amerikanisch dominierte "Operation Enduring Freedom" sind nur offiziell getrennt - in Wirklichkeit arbeiten sie zusammen, auch wenn das offiziell dementiert wird. In Imam Sahib wollten die Amerikaner den Taliban eine Lektion verpassen. Bezahlt für diese Politik haben die Hausangestellten. Einer von ihnen war Herr Hassan, der als Teekocher arbeitete. Ein verwirrter, kranker Mann. Keine Spur von Al Kaida. Sein Blut klebte an der Hauswand, sie haben versucht, neu zu weißen. Aber, sagt der Sekretär des Ortsvorstehers, "das Blut kommt immer wieder durch."

Ein spannendes und kenntnisreiches Buch für alle, die sich über Afghanistan von den Massenmedien nicht ausreichend unterrichtet fühlen.


Fritz Wolf, Journalist, Düsseldorf
Juni 2010

155 Seiten
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-89401-607-4
Einband: kartoniert


Preis
16,00 EUR
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